Die Geburt der Schmetterlinge – über die Individuationsphase einer Beziehung

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Foto von @frob.pop

Es wird der Tag kommen, an dem sich deine Liebesbeziehung ändert. Ich will dich vorwarnen, damit du einen Funken weniger überrascht bist, wenn die Individuationsphase deiner Liebesbeziehung beginnt. Ich nenne sie liebevoll: Die Geburt der Schmetterlinge.

Der Tag kann nach 2 Jahren kommen. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch größer, dass der Tag nach 14 oder 15 Jahren kommt.

Der Tag kann kommen, wenn du das Gefühl hast: Gerade ist meine Beziehung so schön! Ich fühle mich so sicher. Der Tag kann auch kommen, wenn du deinen Partner stärker als je zuvor brauchen wirst.

Aber vielleicht bist du auch schon mittendrin, im Abenteuer der Geburt der Schmetterlinge.

Die Individuationsphase einer Beziehung

Ich spiele in diesem Text mit dem Bild der Geburt von Schmetterlingen. Die Beziehungsphase, die diesem Bild zu Grunde liegt, kann die „Individationsphase“ einer Beziehung genannt werden. Liebesbeziehungen verändern sich im Laufe der Zeit und können in verschiedene Phasen unterteilt werden.

Individuation bezeichnet den Vorgang der Ich-Werdung. Individuation ist der Prozess, sich zum Individuum, zum einzigartigen Selbst zu entfalten, wie die Entfaltung eigener Fähigkeiten, Talente und Ansichten, indem man sich über die Ansprüche, Normen und Wertvorstellungen anderer hinwegsetzt.

Nochmal zum Mitschreiben: Ich werde zum einzigartigen Ich, indem ich mich mit dem auseinandersetze, was die Anderen von mir wollen und indem ich herausfinde, was ich werden will unabhängig von den Anderen. Puh, einfacher geschrieben als getan. Lifelong quest!

Ein wichtiger Erforscher von Individuation als psychologischem Konzept ist C.G.Jung (der mir in letzter Zeit immer häufiger über die Füße fällt!). Jung schreibt über die Individuation: „Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte ‚Individuation‘ darum auch als ‚Verselbstung‘ oder als ‚Selbstverwirklichung‘ übersetzen.“ (Quelle Wikipedia, Eintrag Individuation, abgerufen am 16.01.2026)

Klingt erstmal alles ganz toll und aufregend? Ist es auch. Aber gleichzeitig ist die Geburt der Schmetterlinge auch mit viel Schmerz verbunden. Wie jede richtig gute Wachstumsphase und viele Geburten auch ;).

Die Zeit im Kokon

Vor der Geburt der Schmetterlinge seid ihr wie in einem gemeinsamen Kokon, in der Nestphase, auch die Verschmelzungsphase, Wir-Phase oder Honeymoon-Phase genannt, begleitet von diesem wunderschönem Verliebtsein Gefühl, dieses Gefühl von: WIR für immer in Liebe und Tiefe und Wahrheit und Ehrlichkeit und Vertrautheit. Ihr habt die Ruhe und Konzentration und den Fokus aufeinander, euch kennen zu lernen. Der Kokon beschützt euch. Ihr fühlt euch sicher. Ihr Beide gegen den Rest der Welt für immer. Doch so sehr Verliebte glauben wollen, dass die Kokonzeit unendlich ist: ist sie nicht.

Einer fliegt vor

Dann meine Königin, kommt ein Prozess, der natürlich und vorhersehbar ist: Einer von euch wird aus dem Kokon schlüpfen und wird beginnen, sich in einen großen strahlenden Schmetterling zu entwickeln, der sich auf eine Weltreise macht, um neue Geschmäcker zu schmecken, neue Lacher zu lachen, neue Melodien zu hören und zu singen.

Einer der Partner fliegt vor, was sehr schmerzhaft ist für den Partner im Kokon. Aus der Perspektive des Partners im Kokon ist der andere Partner, der vorfliegt: egoistisch, verletzend, er kann die Nähe des Kokon nicht wertschätzen. Der Partner im Kokon fühlt Liebeskummer. Fühlt seine Welt zerspringt.

Der fliegende Schmetterlingspartner fühlt sich eingeengt durch den Partner im Kokon. Versteht das Problem nicht, denn er folgt doch nur seinen Bedürfnissen, Sehnsüchten und entwickelt sich zu einem wunderschönen Schmetterling.

Mitten in einem natürlichen Prozess

Diese Prozesse sind natürlich. Verliere dich nicht im Opfergefühl des Kokonpartners oder im trotzigen Egoismus des Schmetterlingspartners.

Nimm eine höhere Perspektive ein. Würdest du dich heulend auf den Boden werfen, weil der Regen regnet oder die Sonne scheint? Nein, weil du den Prozessen der Natur vertraust.

Alles ist gut. Alles folgt einem wunderbaren Plan. Keiner von euch Beiden ist falsch oder dumm.

Ihr steht an dem natürlichen Punkt jeden Tropfen der Anfangsliebesenergie verbraucht zu haben. Vielleicht fehlt auch etwas Wichtiges in euer Beziehung, etwas, das ihr braucht, um ganz zu sein. Der Schmetterlingspartner ist nur der Schnellere, der es gemerkt hat und sich auf die Suche macht nach sich und dem Glücksgefühl.

Zwei bunte Schmetterlinge

Eigentlich, weise Königin, eigentlich steht ihr trotz des Schmerzes an einem wunderbaren magischen Punkt in euren Leben: Ihr und du steht kurz davor, wunderbare, funkende, starke, bunte, freie Schmetterlinge zu werden. Nicht mehr zwei Wesen, verschmolzen, in einer Einheit, sondern zwei Individuen, mit eigenen, unterschiedlichen Farben.

Für den Kokonpartner

Ich kann mir vorstellen, dass wenn du der Kokonpartner bist, du noch nicht sehen kannst, wie magisch der Prozess ist, in dem ihr seid. Ich möchte dir sagen: Ich kann dich so so gut nachfühlen. Wenn alles was du fühlen kannst der Verlust von Vertrautheit, Loyalität, Ehrlichkeit, Nähe, Vertrauen und Liebe ist, hast du echt keinen Bock auf irgendwelche theoretischen Weiterentwicklungsideen.

Aber vertraue mir Königin, wenn ich sage: Es wird soviel schöner und bunter werden dein Lieben (äh Leben LOL), wenn du jetzt loslässt und dem Prozess vertraust.

Übrigens nicht vertraust in deinen Schmetterlingspartner. Vertraue in dich, deine Kraft, deine Kreativität, deine Gestaltungsfähigkeiten, deine Macht.

Ausgang offen

Denn der Prozess ist offen. Das ist die schlechte Nachricht in dieser magischen, verrückten Zeit: Ausgang offen. Ihr seid in der Individuationsphase einer Beziehung, in der ihr aus dem verschmolzenen Wir-Zustand in einen ausdifferenzierten Zustand von „Du und ich“ zurückfindet.

Der Ausgang, der offen ist: Wenn ihr von dem Wir-Zustand zu einem Zustand übergeht, in dem zwei Individuen in einer Beziehung stehen, besteht die Möglichkeit, dass die Beziehung auseinanderfliegt. Denn von nun an, ist nicht mehr die wichtigste Frage: Was wollen WIR? Sondern: Was will ICH? Was will ich WIRKLICH? Wie will ICH MICH leben und erleben? Wer bin ICH über diese Beziehung hinaus? Und die Beantwortung dieser Fragen ist in dieser Phase offen.

Wenn beide Partner Schmetterlinge geworden sind, groß, bunt, strahlend, mit eigenen Farben und ausgeflogen sind, dann ist keine Garantie der Welt gegeben, dass ihr euch wiederfindet.

In unterschiedlichen Beziehungsphasen

Eine besondere Herausforderung der Geburt der Schmetterlinge ist, wenn die Partner nicht gleichzeitig losfliegen. Wenn ein Partner noch im Kokon ist, während der andere Partner schon losgeflogen ist. Dann können verschiedenen Dinge passieren, die die Liebesbeziehung gefährden.

Wenn der Erforschungspartner zu weit weg fliegt und den Kokonpartner verliert, kann es zu spät sein. Wenn der Erforschungspartner zu schnell und rücksichtslos war, kann es zu spät sein. Vielleicht verliebt sich der Erforschungspartner sogar in die Farben eines anderen Schmetterlings.

Wenn der Partner im Kokon zu kontrollierend und verurteilend war und zu sehr am Kokon festgehalten hat, kann es zu spät sein.

Beide Schmetterlinge können auf dieser Entwicklungsreise entdecken, dass es schöner ist, wenn sie ohne den Partner fliegen.

Vom „Wir“ zu „Du und ich“

Aber ich will dir die Hoffnung nicht nehmen: Es besteht die Möglichkeit, dass ihr euch wiederfindet. Wenn ihr es schafft, wird diese neue Liebe in der nächsten Beziehungsphase Alles übersteigen, was du je kennen gelernt hast.

Denn du bist nun ein freier Schmetterling, unabhängig von jedem Kokon, in deinen bunten, wunderschönen strahlenden Farben, unverwechselbar DU in deiner Ich-Stärke mit deinem Ich-Kern und deinen Ich-Grenzen.

Du triffst auf ein anderes DU, das du nun viel mehr schätzen kannst in seiner bunten Einzigartigkeit.

Vom „Wir“ zu „Du und ich“. Von der Selbstverständlichkeit in der Kokonphase zur Wertschätzung der bunten Einzigartigkeit des eigenen Ichs und des Partners.

Wenn ihr euch nicht wiederfindet

Und wenn ihr euch nicht wieder findet? Das ist auch okay. Vertraue in die Magie des Lebens, in die Prozesse des Lebens, in dich und deine Fähigkeiten.

Wenn ihr euch nicht wiederfindet, wirst du DICH wiederfinden. Du wirst dich wiederfinden in deinen bunten Farben. Du wirst den freien Himmel sehen, als ob du ihn noch nie gesehen hast. Du wirst deine zarten starken Flügel bewundern und deine Fühler in die Welt ausstrecken. Du wirst der starke, zarte, leuchtende, bezaubernde Schmetterling werden, der du schon im warst im Inneren.

Auf allen Wegen brauchst du Vertrauen

Egal, ob ihr schafft, zu euch zurück zu finden oder nur zu euch selbst zurück zu finden:

Auf allen Wegen braucht ihr Vertrauen.

Vertrauen in euch selbst. Vertrauen in euren Weg. Vertrauen in eure Fähigkeiten.

Vertrauen in eure Liebe. Vertrauen in den Partner.

Vertrauen in das Leben.

Ich bin so gespannt, wohin ihr fliegt.

Von EVA BEA

🪩 EVA BEA ist Diplom-Künstlerin (HGB Leipzig, Burg Giebichenstein Halle), Autorin und Herausgeberin von evabea.com - wo sie dich schreibend mit auf ihre Seelenreise nimmt als Dreifachmutter, Frau mit ADHS und suchende, vielbegabte Künstlerin des 21.Jahrhunderts.